Aktuelle Situation Lederwarenfachhandel: Gutes erstes Halbjahr

Der deutsche Lederwarenfachhandel geht mit Zuversicht in die letzten Monate des Jahres 2016. Ursache dafür sind die in diesem Jahr bislang ordentlichen Umsätze der Branche. „Der BLE schätzt, dass der Fachhandel per Ende August 2016 den recht guten Umsatz von 2015 noch einmal leicht um ein bis zwei Prozent gesteigert hat“, berichtet BLE-Präsident Dr. Joachim Stoll. Das vom Statistischen Bundesamt für das erste Halbjahr gemäß seiner 5%-Stichprobe errechnete vorläufige Umsatzplus in Höhe von 14,6 Prozent bewertet der BLE allerdings als deutlich zu hoch.

Allerdings sind nicht alle Lederwarengeschäfte gleich erfolgreich, da der Wettbewerb in den letzten Jahren kontinuierlich zugenommen hat. Speziell bei Handtaschen hat neben den expansiven Online-Anbietern von Amazon bis Zalando vor allem der Modefachhandel die Tasche als Sortimentsergänzung weiter ausgebaut. Der Gesamtumsatz mit Handtaschen dürfte so trotz des für den Modeverkauf problematischen Wetters im Frühjahr und Sommer zwar stabil geblieben sein, doch ist die Zahl der Marktteilnehmer eher weiter gewachsen. Vor allem kleinere Lederwarengeschäfte mussten in diesem härteren Konkurrenzumfeld daher Einbußen hinnehmen. Nachteilig für den klassischen Lederwarenfachhandel ist in diesem Zusammenhang, dass sich manche Trendmarken lieber im Fashionhandel  präsentieren als beim Lederwaren-Vollsortimenter.

Dort hat sich auch in diesem Jahr vor allem der Umsatz mit Reisegepäck  dank der Reisefreudigkeit der Deutschen gut entwickelt. Unverändert zu beobachten ist ein deutlicher Trend zu leichtem Gepäck und zu vier Rollen. Stabil war das Geschäft mit Kleinlederwaren und Schulartikeln, während sich der  traditionelle Businessbereich etwas schwerer tat. Nach wie vor im Trend liegt der Casualbereich, wo vor allem Rucksäcke verstärkt nachgefragt wurden. „Hier kommt es für den Handel vor allem darauf an, dem Kunden die angesagten Marken präsentieren zu können“, weiß Dr. Stoll.

Insgesamt waren die Unterschiede zwischen den einzelnen Geschäften erneut groß. Schwächer abgeschlossen haben vor allem kleinere Geschäfte in schlechteren Lagen. Und davon gibt es in Deutschland nach wie vor sehr viele.

Ohnehin entwickeln sich kleinere Geschäfte schon seit einigen Jahren schlechter als der Markt und müssen deshalb immer öfter ihre Türen für immer schließen. Laut der letzten Umsatzsteuerstatistik für 2014 gab es in Deutschland insgesamt noch 1.444 Unternehmen im Lederwarenfachhandel. 2010 waren es noch 1.673,  also über 200 mehr. Und im Jahr 2000 gab es sogar noch 2.414 Unternehmen, also beinahe 1.000 mehr. Die Branche hat demnach seit der Jahrtausendwende rund 40 Prozent ihrer Unternehmen verloren.

Das klingt dramatisch und ist es im Einzelfall sicherlich auch. Es spiegelt allerdings eine Entwicklung wider, die nicht nur typisch für die Lederwarenbranche ist. Vergleichbare Trends gibt es auch im Textil- und Schuhfachhandel, selbst im Handwerk sind ähnliche Zahlen zu beobachten. Sie sind also nicht Folge eines unattraktiven Produktes oder einer schwachen Branche, sondern beruhen auf einem allgemeinen Trend zu größeren Unternehmen. Gerade kleinere Unternehmen haben bekanntlich immense Probleme, einen geeigneten Nachfolger zu finden, wenn der bestehende Inhaber aufhört. „Dass selbst Sohn oder Tochter auf die Übernahme verzichten, kommt leider immer öfter vor“, beklagt der BLE-Präsident.

Dass die Lederwarenbranche nicht unattraktiv ist, sieht man auch daran, dass sich die Umsätze in den letzten Jahren gut entwickelt haben. Weniger Unternehmen erzielen heute im Schnitt deutlich höhere Umsätze als noch vor fünf, zehn oder 15 Jahren. Zudem gibt es in der Lederwarenbranche zwar weniger Unternehmen, aber darunter mehr Filialisten, so dass die Zahl der Läden, die schwerpunktmäßig Lederwaren verkaufen, längst nicht so stark geschrumpft sein dürfte.

Außerdem verkaufen immer mehr Geschäfte anderer Branchen im Randsortiment Lederwaren. Zu nennen sind neben Mode- und Schuhgeschäfte auch Konzeptläden, Geschenkshops, Schreibwarengeschäfte und Einrichtungshäuser, die Taschen, Kleinlederwaren und zum Teil sogar Gepäck aufgenommen haben. Insgesamt dürften damit in mehr als 3.000 Geschäften in Deutschland Lederwaren angeboten werden.

Auch der Online-Bereich dürfte in diesem Jahr wieder gewachsen sein. Genaue Daten liegen zwar nicht vor. „Der Marktanteil des gesamten Versandhandels am Lederwarenmarkt dürfte nach BLE-Hochrechnungen aber aktuell bei rund 20 Prozent liegen, wobei wohl mindestens 90 Prozent über das Internet läuft“, schätzt Dr. Stoll.

Auf die Wochen und Monate bis zum Jahresende kann die Lederwarenbranche durchaus hoffnungsfroh blicken. Angesichts der hohen Beschäftigungsquote in Deutschland sollte das Weihnachtsgeschäft für die Branche daher erfolgreich verlaufen. Dies ist für den  Lederwarenfachhandel sehr wichtig, entfielen in den letzten Jahren doch rund 13 Prozent des Gesamtumsatzes allein auf den Dezember. Und über 30 Prozent des Umsatzes werden in den letzten drei Monaten erzielt.

Was den bevorstehenden Einkauf des Handels auf der ILM betrifft, so sind die zu treffenden Orderentscheidungen für 2017 nicht einfach. „Alle sind auf der Suche nach neuen, frischen und attraktiven Marken, die möglichst noch nicht zu breit distribuiert sind“, berichtet BLE-Präsident Stoll. Der Besuch der Messe ist dafür überaus wichtig und dient überdies dazu, im Kontakt mit Kollegen und Industrie die Situation zu beurteilen. „Dabei werden sicher auch neue Wege der Zusammenarbeit zwischen Handel und Industrie besprochen werden“, prognostiziert Stoll.

Die Marktdaten: Der BLE schätzt das Marktvolumen von Lederwaren in Deutschland auf rund 2,5 Mrd. EUR (Jahr 2015 zu Endverbraucherpreisen). Der spezialisierte Lederwarenfachhandel ist dabei unverändert der mit Abstand wichtigste Vertriebsweg.

Köln, den 1. September 2016